Warum überhaupt eine freie Schule?
Unterhält man sich mit Eltern, Schülern oder Lehrern, hört man im allgemeinen eher Klagen über die Möglichkeiten zur Bildung, die das deutsche Schulsystem zu bieten hat, als Zustimmung und Zufriedenheit. Auch Studenten, Politiker und Arbeitgeber sind zu großen Teilen unzufrieden, weil viele Fähigkeiten, die ein Mensch, der in der hiesigen Gesellschaft erfolgreich sein möchte, braucht, in der Schule nicht geübt werden können.
Verfolgt man die Bildungspolitik der Parteien, entsteht aber der Eindruck, dass auf ein vielfältiges Angebot von Bildungseinrichtungen, aus dem Eltern und Kinder frei auswählen können, nicht so großen Wert gelegt wird. Es ist nach wie vor sehr schwierig, z.B. in Berlin, eine Privatschule zu gründen und erfolgreich bis zur Genehmigung "durchzubringen". Man muss ganze sechs Jahre ohne staatliche Zuschüsse auskommen, was eine enorme finanzielle Belastung der Eltern bedeutet und sehr viel Enthusiasmus von den Lehrern fordert, da sie wesentlich schlechter bezahlt werden müssen als ihre Kollegen an staatlichen Schulen.
Unsere Schule ist durch eine Elterninitiative entstanden. Die Gründungseltern sind mit dem DDR-Bildungs(un)wesen groß geworden. Einige von uns waren schon vor und in der Wendezeit an der Gründung von Kitas und anderen Freizeiteinrichtungen im Prenzlauer Berg beteiligt, die sich mit Offener Arbeit mit Kindern und Kinderkulturarbeit befassten.
Unseren Verein nannten wir "Freies Lernen in Berlin" e.V. Die Gründung einer Schule war für uns die logische Fortsetzung unserer Arbeit und eine neue Herausforderung, denn unsere Kinder kamen ins schulpflichtige Alter. Unser Konzept ist das Resultat der Auseinandersetzung mit dem DDR-Schulsystem, mit dem der Bundesrepublik, mit reformpädagogischen Ansätzen, allgemeiner Schulkritik, Menschenrechten und dem täglichen Zusammenleben mit unseren Kindern.
Jeder Mensch (sofern er nicht an einer körperlichen oder geistigen Behinderung leidet, die seine Fähigkeiten einschränkt) wird mit der Fähigkeit geboren, die Befriedigung seiner Bedürfnisse einzufordern, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen und die notwendigen Fähigkeiten zu erlernen, die Leben und Überleben sichern.
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch nicht nur gerne überleben möchte, sondern auch zufrieden und glücklich sein möchte, sich mit anderen austauschen will, viele Dinge ausprobieren möchte, um dann zu entscheiden, was sich für ihn am sinnvollsten und besten anfühlt. Jedes Kind möchte einmal ein erfolgreicher Erwachsener werden und einen Platz in der Gesellschaft finden, an dem er sich wohl fühlt und sich verwirklichen kann.
Kinder lernen Laufen, Sprechen und sich in ihrer Umgebung orientieren ohne dazu aufgefordert oder gezwungen werden zu müssen. Wir konnten an unseren eigenen Kindern beobachten, wie sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernten, ohne von uns dazu gedrängt zu werden, aus Spaß und Neugier und Freude am Leben. Den ganzen Tag lang beschäftigen sich unsere Kinder mit Dingen, die sie interessieren, ob uns das nun gefällt oder nicht.
Die im gesellschaftlichen Leben erwartete "Innovation" und "Einsatzbereitschaft", der "Teamgeist", die "Kritikfähigkeit", die "Demokratieerfahrung" und das "selbstständige Handeln und Entwickeln von Ideen" können sich nach unserer Erfahrung nicht entwickeln, wenn der Mensch schon im Alter von spätestens sieben Jahren täglich über viele Stunden angepasst und still, ohne sich viel bewegen zu dürfen, Dinge lernen muss, die er nicht mitbestimmen darf und nach einem System bewertet wird, auf dessen Werte und Normen er keinen Einfluß hat.
Wir wollen Kindern möglichst optimale Entwicklungsräume anbieten in einer Schule, in der man zwanglos lernend spielen und spielend lernen kann. Wo man aufeinander zugehen, aber auch allein sein kann. Wo man forschen, träumen, reden und arbeiten kann. Wo man streiten, lachen, weinen und sich auch langweilen darf. Wo man nicht der Allmacht eines Lehrers ausgeliefert ist, sondern sich einen aussuchen kann ...
Bundesweit gibt es mehr als vierzig Freie Alternativschulen, die im Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) Mitglied sind und alle ihre ganz speziellen, oft aber auch sehr ähnlichen Erfahrungen gemacht haben.

