Wie geht Ihr mit Konflikten um?

schulversammlung

Die ersten Wochen in unserer Schule sind für neue Kinder recht aufregend, auch wenn sie schon eine Woche Probezeit in der Schule hatten. Die ist schon lange her und reicht bei weitem nicht aus, um alles kennenzulernen. Viele stürzen sich erst mal auf die Dinge, die sie mit Schule verbinden: Lesen, Schreiben, Rechnen lernen. Die Eltern sind meist hocherfreut. Aber spätestens nach ein paar Wochen werden oft ganz andere Dinge interessant. Genauso spannend wie Lesen lernen ist das Erwerben von Kompetenzen im Umgang mit anderen Leuten, das In Frage stellen von bestehenden Regeln, das Austragen von Konflikten, egal auf welcher Ebene. Wer ist hier der Chef ? Und wer ist der heimliche Chef ? Werd ich vielleicht der neue Chef ? Da gibt es viel auszuprobieren.
Unsere Schule ist ein Probierfeld für soziales Lernen. Diese Lernebene ist den Kindern (unbewußt) zeitweise wichtiger als die des Erlernens der Kulturtechniken. Im täglichen Leben mit allen, die hier zur Schule gehen, entstehen Konflikte, entweder durch Mißverständnisse, durch absichtliches Überschreiten von persönlichen Grenzen, durch "kleine Späßchen" oder, wenn ausgehandelte Regeln mißachtet werden. Bei Auseinandersetzungen unter Kindern geht es nicht selten sehr rabiat zu. Wir versuchen, handgreifliches möglichst in die verbale Ebene zu transportieren, indem wir uns für die Schwächeren als Beschützer anbieten oder gemeinsam mit den Kindern im Gespräch das Problem zu klären. Beide Seiten werden gehört, denn zu einem Streit gehören immer zwei. Es ist ein schwieriger Prozeß zu lernen, eine Situation zu reflektieren, die eigene Position zu relativieren, andere zu verstehen und zu respektieren, auch wenn es einem gerade nicht in den Kram paßt. Dazu gehört auch zu lernen, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Das Auswerten von Konflikten und Reibereien führt zu Absprachen, Vereinbarungen und Regeln, die in Abständen immer wieder neu diskutiert werden müssen oder sich auf Dauer als Regeln des Zusammenlebens etablieren, weil sie sich bewährt haben.
Ein Beispiel für eine Regel von Bestand ist die STOP-Regel. Wenn jemand STOP sagt, muß der andere aufhören, womit auch immer. Die Einführung der "geregelten" Lernzeiten ist auch etwas, das geblieben ist, auch wenn die Pläne immer mal anders aussehen. Langwierige Auseinandersetzungen haben z.B. zur "Trennung" der Kinder in zwei altersgemischte Gruppen am Vormittag in der Lernzeit geführt. Die "Kleinen" verlangten nach einem "Schutzraum" und die "Großen" nach einem "Raum, wo keine Kleinen nerven". Diese Aufteilung ist bis heute beibehalten worden. Innerhalb der zwei Gruppen gibt es auch noch extra Verabredungen. Wir hatten sogar eine Zeit lang einen Mädchenraum, der von den Jungen nur mit Erlaubnis der Mädchen betreten werden durfte, und einen Jungenraum, der für die Mädchen tabu war. Nach ca. einem halben Jahr war diese Trennung aber durch die Kinder selbst wieder aufgehoben. Warum, haben die Erwachsenen nie erfahren ...
Die Spiel- und Arbeitszeiten am Computer z.B. wurden von den Kindern selbst geregelt, nachdem es immer wieder Streitereien um den Computerplatz gab ...
Es ist sehr spannend für uns zu beobachten, daß soziale Auseinandersetzungen prozeßhaften Charakter haben, daß ähnliche Probleme in Abständen immer wieder auftauchen und auf unterschiedlichste Art und Weise geklärt werden oder auch nicht. Es ist allerdings auch möglich, daß wir manche Konflikte nicht mitkriegen. Wir können und wollen auch nicht den ganzen Tag lang Polizei spielen und alles und jedes überwachen und kontrollieren. Hinzu kommt, daß wir immer auch ein paar "verhaltensoriginelle" (geklaut von Jutta) Kinder in unserer Schule haben, die Probleme damit haben, solche Auseinandersetzungen mit anderen Kindern zu bewältigen. In solchen Fällen legen wir besonderen Wert auf regelmäßigen Austausch mit den Eltern und nehmen nicht selten auch Kontakt zu Fachleuten auf, um uns beraten zu lassen bzw. um die Eltern besser beraten zu können. Es gibt aber nicht nur Konflikte unter den Kindern und Lehrern in der Schule, es entstehen unter Umständen auch neue Konflikte zwischen Eltern und Kindern und zwischen Eltern und Lehrern. Kinder verändern sich, Jüngere orientieren sich an Älteren und legen plötzlich Verhaltensweisen an den Tag, die den Eltern teilweise unangenehm sind, Erwartungen werden nicht erfüllt, Mißverständnisse entstehen ...
Die oben erwähnten Prozesse, Reflexion, Relativierung, Respekt und Akzeptanz betreffend finden hier ebenso statt wie bei den Kindern. Um Problemen auf den Grund zu gehen haben wir wöchentliche Sprechzeiten eingerichtet, Eltern können hospitieren, wenn sie möchten und es finden regelmäßig Elterngespräche und Elternversammlungen statt, in denen wir Erwachsenen üben, üben, üben!