Matthias Hofmann arbeitet als Lernbegleiter an unserer Schule und berichtete gegenüber Zeit-Online von seinen Erfahrungen.
Geborene Lerner
Matthias Hofmann unterrichtet an einer freien Schule, wo Kinder ohne Druck lernen – zu ihrem Wohl und der Freude ihrer Lehrer.
Von Susanne Simon
„An einer freien Schule gibt es keine Lehrer. Ich bin dort Lernbegleiter, gelegentlich Lernberater“, sagt Matthias Hofmann, ein 32-jähriger Erziehungswissenschaftler und Diplompädagoge. An der freien Schule in Marburg hatte er eine 7-Tage-Woche. Jetzt, in Berlin, hat er die Arbeitsstunden noch nicht gezählt. Sein Gesicht ist recht blass, aber er lächelt entspannt: „Ich habe eine hohe Arbeitszufriedenheit. Oft gehe ich glücklich nach Hause.“ Er rührt bedächtig in seiner heißen Schokolade. „Kinder brauchen keinen Erwachsenen, der vorne steht und ihnen die Welt erklärt, sondern gute Räume und ansprechbare Erwachsene, die sie beim Lernen unterstützen. Ein Kind lernt nicht laufen, weil ihnen das jemand theoretisch, mithilfe eines Schaubilds oder Animationsfilms zeigt. Es lernt laufen, weil es die Welt entdecken will. Von daher könnte man Kinder als geborene Lerner bezeichnen. Ich belehre also nicht, sondern sitze neben ihnen oder am Rand, beobachtend, auf Wunsch begleitend und unterstützend. Bei uns wählt das Kind einen Gruppenraum mit dazugehörendem Erwachsenen, dort hat es seinen Schreibtisch. Mit dem Erwachsenen seiner Gruppe lotet es im Gespräch einen Tages- oder Wochenplan aus. Genauso organisiert das Kind Lernpartnerschaften mit anderen Lernbegleitern im Haus.“
Acht „Teamer“ begleiten an dieser Schule 55 Kinder von der 1. bis zur 6. Klasse. Matthias hat eine Gruppe von 10 Kindern der 1. bis zur 4. Klasse und Lernpartnerschaften mit Kindern aus anderen Gruppen. Da die Kinder selbst entscheiden, was sie wann lernen, mischt sich das Alter der Lernenden in Kleingruppen, sollten sie sich dort zu einem Thema treffen. Matthias spricht von einer inspirierenden Atmosphäre, Ältere können Neugier bei Jüngeren wecken, Wissen und Erfahrung weitergeben, genauso gibt es Jüngere, die Älteren etwas erklären, wenn sie ihnen in einem Gebiet voraus sind. Der Lehrplan entsteht durch das Kind. Mag sein, dass es über das Theaterspielen, Zeichnen oder eine Arbeit im Werkraum zum Schreiben, Lesen und Rechnen kommt. Über einen zu hart geratenen Kuchen zum sinnvollen Verwenden einer Waage und dadurch zur Mathematik. Über das Aufteilen einer Pizza zum Bruchrechnen. Die Lernbegleiter sind da, wenn „Fragen geboren werden“.
Schwer vorstellbar? „Warum?“, fragt Matthias mit aufmerksamem Blick. So wird er seine Schüler betrachten, unaufgeregt, eher wie ein Therapeut.
„Weil wir selbst durch eine Sozialisation gegangen sind, durch eine staatliche Schulform, die sagt: So, das ist jetzt ein Klassenverband, der wird vom Lehrer auf einen Lernstand gebracht, und als Kohorte bis zur 9., 10. oder 13 Klasse geführt, und diejenigen, die es nicht schaffen, fallen halt raus. Genauso wie sich einige langweilen, weil sie schon zu weit sind, und andere sich quälen und hinterherhinken, weil ihre momentanen Interessen anderswo liegen?“ Ein Irrglaube, sagt Matthias. „In unserer Gesellschaft herrscht der Gedanke, Schule sei eine Vorbereitung fürs berufliche Leben. Davon sollte man sich verabschieden. Kinder haben die Perspektive für das spätere Leben noch gar nicht. Es ist also ein Trugschluss, Kinder mit dem Satz, du lernst für später, motivieren zu können. Man macht ihnen höchstens Angst vor der Zukunft, flößt ihnen das Gefühl von Ehrfurcht ein. Das Kind hat Interesse an der Gegenwart. Wenn sich ein Kind für Ägypten interessiert, kann ich ihm sagen, nein, du musst jetzt die Sinus- und Kosinuskurve lernen, die brauchst du dringend für später. Das Kind will aber vielleicht Archäologe werden, ich weiß nicht, ob es da Sinus und Kosinus braucht. Und wenn doch, wird es das später schnell nachholen. Also würde ich dem Kind sagen, ja, das ist spannend, lass uns Ägypten angehen. Das Kind kann dazu ein Modell bauen, lesen, malen, ein unendliches Feld tut sich auf, das es sich erschließen kann. Und ich gebe ihm die Infrastruktur. Vielleicht arbeiten wir an Ägypten in einer Kleingruppe oder zu zweit. Meine Aufgabe ist es, verlässlich Material zu besorgen und unterstützend zu wirken. Das uns Bekannte ist: Kinder müssen ihre Motivation vor der Schule ablegen, weil ihnen in der Schule gesagt wird, was wichtig ist. Das ist ein Raub, eine Form von Betrug.“
Da ist was dran. Wie viele erinnern sich daran, den Schulbesuch als Verlust von Lebenszeit empfunden zu haben? Mancher begann hinterherzuhinken und tröstete sich mit Lesen, Tagebuch schreiben, Malen unter der Bank oder träumte, kämpfte gegen den Schlaf und zu Hause mit den Hausaufgaben.
Es gibt Regeln, doch die erarbeiten Lehrer und Schüler gemeinsam. „Ich muss kein Kind verbiegen und mich auch nicht. Wenn ein Kind etwas nicht will, muss ich seinen Willen nicht brechen. Auf diese Handhabe wird an der freien Schule verzichtet. Das sieht wie ein Machtverlust aus, aber die Macht möchte ich gar nicht haben. Und gerade deshalb gebe ich Halt. Es ist wie ein Zauber, der täglich neu im Raum steht. Weil es eine tiefe Achtung voreinander gibt, die zunächst erworben werden muss. Wenn ein Kind aufgeregt ist, dann muss es seine Verfassung nicht vor der Schule abstreifen. Es heißt nicht, hör auf, aufgeregt zu sein, du schreibst jetzt Mathetest. Den gibt es bei uns nicht. Im Elterngespräch tauschen wir uns nicht über Noten, sondern die Interessen des Kindes aus, über Konflikte, die bewältigt wurden oder gerade anstehen. Das kann ein Konflikt mit einem anderen Kind sein oder noch fehlender Mut, sich auf ein neues Thema einzulassen.“
Aber kann das Kind später als Erwachsener im Beruf sagen, tut mir leid, ich kann nicht arbeiten, bin gerade zu nervös? „Wir funktionieren nicht, weil wir durch Schule, Wehr- oder Zivildienst und Universitäten so wunderbar diszipliniert wurden, sondern weil wir Notwendigkeiten einsehen. Motivation hat viele Quellen. Ein Kind hat zunächst Spaß an einer Sache, reines Interesse, es will dasselbe wie seine Freunde tun oder auch das Angebot eines Erwachsenen annehmen. Einsicht wächst mit den Jahren.“
Und wie geht es den Kindern, wenn sie von einer freien in eine Regelschule wechseln? „Von einem Stufenleiter, der regelmäßig Schüler einer freien Schule übernimmt, höre ich, dass sie Stoff, sollte er fehlen, innerhalb von ein oder zwei Halbjahren nachgeholt haben und ihre Lust am Lernen groß ist. Auffällig ist ihr Mut, sich zu positionieren. Sie können sich in sozialen Prozessen gut ausdrücken und einmischen, wenn andere Schüler Konflikte haben. Eine ehemalige Schülerin erzählte mir, sie seien in der 7. Klasse gefragt worden, was sie in der Grundschule gelernt und getan hätten. Sie war die Einzige, die sich daran erinnern konnte!
Worauf ich schaue, lässt sich nicht in Noten erfassen: Kann ein Kind seine Interessen und Wünsche ausdrücken? Selbstbestimmt lernen? Für sich sorgen? Sich wehren, wenn es Ungerechtigkeiten am eigenen Leib erfährt oder beim Nachbarn? Das sind unschätzbare Qualitäten.“
Veröffentlicht auf Zeit-online im Januar 2007