Im Sommer des Jahres 1992 beziehen wir eine alte Polsterwerkstatt, die eine Zeit lang als Kleindarstellerbüro gedient hat. Die Eltern wollen "das Beste" für ihre Kinder und haben die Räume schön hergerichtet. Ein paar Tage später holen die Kinder Regale, Kommoden, Sessel, Stühle, alte Radios und Plattenspieler von der Straße. Es entspricht weniger unserer als ihrer Gemütlichkeit.
Thema Nummer eins ist das Kennenlernen. Wir fühlen uns sehr beansprucht von den verschiedenen Stimmen, Gesichtern, Neigungen, Vorlieben und Macken. Allmählich kommt ein langwieriger Anpassungsprozeß in Gang. Kinder beginnen um ihre Ränge zu kämpfen. Was Freunde betrifft, haben sie keine große Auswahl. An manchen Tagen kommen zwölf, an anderen Tagen nur sieben Kinder. Das jüngste ist gerade sechs, das älteste neun Jahre alt. Für die Kinder ist der Altersunterschied ganz schön groß. Einige Kinder leben Aggressionen aus, die sie von anderswo mitbringen. Einige sind oft sehr laut, was besonders in den kleinen Räumen nervt. Auf den Fahrten mit dem Schulbus oder auf dem Spielplatz, wo sich die Kinder ausgiebig bewegen können, ist der Geräuschpegel viel ausgewogener.
Am 1.9.92 z.B. wird der Kalenderplatz im "Britzer Garten" erobert: Unten Gestirne, Meridiane, Sonnenwend- und Tag- und Nachtgleiche-Orte, darüber Atmen, Trinken, Schwitzen, Lachen, Schlagen, Weinen, Hetzen, Schreien und Arbeit der Kinder: Stühle ins Wasser stellen um zu angeln und Kletterversuche auf dem meterhohen Gerüst der Sonnenuhr ...
Überhaupt wird in diesen ersten Tagen, Wochen und Monaten eine Menge "gearbeitet". Die Kinder veranstalten Kochfeste, bauen Knetfiguren für den Flohmarkt, spielen Theater, gründen ein Museum und legen großen Wert darauf, dass wir uns dabei nicht ungefragt einmischen. Sie sind die Akteure, wir das Publikum. Nicht alle Eltern haben sich den Testlauf so vorgestellt.
Auf den anfangs wöchentlichen Elternversammlungen, die sehr emotionsgeladen verlaufen, gibt es heiße Diskussionen um die Grenzen, die die Kinder brauchen. Wir erfahren, dass die Toleranzschwellen bei Eltern und Betreuern zum Teil sehr voneinander abweichen. Auf eine harte Probe werden alle gestellt, als die Kinder mit Zimmermannshämmern die Wände bearbeiten. Sie hatten vor einigen Tagen erlebt, wie von Erwachsenen in Arbeitskleidung die Wand zwischen zwei Räumen niedergerissen wurde. Auch war bekannt, dass ein Umbau der Räumlichkeiten in nicht allzu ferner Zukunft bevorsteht. Dennoch kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen den Begleitpersonen. Währenddessen meißeln die "Mauerspechte" in gleichmäßigen Abständen – also durchaus nicht wahllos – Öffnungen in die Wände eines schmalen Ganges. "Was macht ihr denn da ?" Ein Junge: "Wir machen Fenster!"
Obwohl im weiteren Verlauf auch Eltern, die es sich nicht leicht machen, aus dem Projekt aussteigen und auch Personal wechselt – zeitweise arbeiten unentgeltlich arbeitslose Mütter mit – bildet sich ein "harter Kern" heraus, ohne den es die Schule und den Schülerladen wahrscheinlich gar nicht mehr geben würde.
(Ulli Sachse / "Betreuer der ersten Stunde")